Vorsorge: Sinnvoll oder gefährlich?

 

 

Liebe Patientin, lieber Patient,

 

Im April 2009 war das Titelthema des angesehenen Wochenmagazins „DER SPIEGEL“:
„Risiko Vorsorge“. Nach der Lektüre fragt man sich, ob eine Vorsorge überhaupt sinnvoll ist oder ob die Risiken größer als der Nutzen sind?

 

Meiner Meinung nach hat der Autor des Spiegel-Artikels in etlichen Punkten Recht. Bestimmte Vorsorgemaßnahmen sind medizinisch nicht sinnvoll oder bergen sogar Risiken für die Patienten in sich.Bei zwischenzeitlich jährlichen Ausgaben von über 600 Mio. € für die Vorsorge und fraglichem Nutzen muss daher kritisch nachgefragt werden, welche Maßnahmen sinnvoll, unnötig oder sogar gefährlich sind.

In den folgenden Abschnitten möchte ich Sie über wichtige und zumeist nicht bekannte Fakten zur Präventivmedizin informieren und Ihnen konkrete Ratschläge für eine sinnvolle Vorsorge geben.


Beispiel Brustkrebs:
Wissenschaftliche Arbeiten zur Brust-krebsvorsorge liefern ernüchternde Zahlen. Eine Studie an 500 000 untersuchten Frauen ergab:  Wenn 2 000 Frauen über 10 Jahre regel-mäßig am Brustkrebs-Screening teilnehmen, stirbt am Ende des Zeitraums eine Frau weniger an Brustkrebs als bei der Vergleichsgruppe, die kein solches Screening durchläuft. Das ist bei hohem Aufwand immerhin eine gerettete Frau.

Aber: Im Lauf dieser 10 Jahre gibt es bei 200 Frauen unnötigen Alarm wegen eines Verdachts auf Krebs, und 10 Frauen erhalten eine Brustkrebsbehandlung, obwohl sie gar keinen Krebs haben.
Eine neue Studie vermutet sogar, dass jeder

5. Brustkrebs sich spontan zurückbildet. Die gezielt, also bei Verdacht auf Krebs, eingesetzte Mammo-

grafie ist sicher sinnvoll. Als Screeningmethode (also rein vorbeugende Untersuchung) angewandt besteht jedoch immer auch die Gefahr, dass sowohl das mechanische Einklemmen der Brust, wie auch die Röntgenstrahlen Brustkrebs auslösen können!

Das wirtschaftlich unabhängige „arznei-telegramm“ empfiehlt in der Ausgabe 3 / 2012: „Dem möglichen Nutzen einer verminderten Brustkrebsmortalität stehen Risiken gegenüber. Insbesondere Überdiag-nostik und dadurch bedingte Übertherapie sind gravierende Nachteile. Zudem müssen bis zu 50 % der Frauen bei zehn Screeningrunden mit mindestens einem Fehlalarm rechnen.“

Meine Empfehlung an Sie lautet: Eine regelmäßige Selbstuntersuchung sowie die Untersuchung durch den Arzt, evtl. auch mit Ultraschall sollten auf jeden Fall durchgeführt werden. Weitere Untersuchungen sind nur bei konkretem Verdacht auf einen möglicher-

weise vorhandenen Krebs erforderlich.


Beispiel Darmkrebs:

„Muss ich zur Darmspiegelung?“ Eine häufig gestellte Frage in der Sprechstunde.

Seit 2002 wird die Vorsorgekoloskopie (Koloskopie = Darmspiegelung) ab dem
55. Lebensjahr von den gesetzlichen Krankenkassen angeboten – bei Personen mit erhöhtem Risiko für Erkrankung an Darmkrebs gelten andere Empfehlungen.

 

Muss aber nun jede(r) unbedingt mit 55 Jahren eine Darmspiegelung machen lassen? Gibt es sinnvolle Alternativen?

 

Vorteile einer Darmspiegelung:

Da sich Darmkrebs meist langsam über viele Jahre aus Vorstufen entwickelt, können durch die Darmspiegelung bereits die Krebsvorstufen („Adenome“) erkannt und im Rahmen der Untersuchung gleich entfernt werden. Dies ist bei anderen Vorsorgeformen wie CT, MRT oder Stuhluntersuchung nicht möglich. Gleichzeitig können auch andere Erkrankungen von Dick- und Enddarm erkannt werden.

 

Werden neue Darmkrebsfälle verhindert?

Viele Untersuchungen zeigen, dass durch verschiedene Vorsorgemaßnahmen die Zahl der Neuerkrankungen an Darmkrebs gesenkt werden kann. Seit Einführung der Vorsorgekoloskopie nahm die Zahl der neu erkrankten Personen ab (57 statt 66 Männer von 100.000 Männern, bei Frauen ca. 37 statt 43 von 100.000 Frauen pro Jahr). Ca. 6-7% aller neu entdeckten Darmkrebserkrankungen pro Jahr werden bei der Vorsorgekoloskopie entdeckt.

 

Ist eine Darmspiegelung gefährlich?

Die Darmspiegelung ist im Allgemeinen eine Untersuchung mit geringem Risiko. Wie bei jeder Maßnahme können jedoch selten Komplikationen auftreten. Das Risiko für schwerwiegende Komplikationen wie Perforation (Durchbohrung der Darmwand, tritt bei ca. 4 von 10.000 Untersuchungen auf) oder schweren Blutungen (bei ca. 8 von 10.000 Untersuchungen) ist gering. Nebenwirkungen wie Unwohlsein, Blähungen, allergische Reaktionen treten häufiger auf. Auch kann nach einer Koloskopie die Zusammensetzung der Darmbakterien durch die Abführmaßnahmen verändert sein und muss sich dann „erholen“.

 

Gibt es alternative Vorsorgeuntersuchungen?

Ja. Ein jährlicher immunchemischer Stuhltest, eine Sigmoidoskopie (Spiegelung des S-Darms und Enddarms) alle 10 Jahre + jährlicher immunchemischer Stuhltest oder eine CT-Koloskopie alle 5 Jahre werden von amerikanischen Wissenschaftlern als gleichwertig eingeschätzt zur Koloskopie alle 10 Jahre.

 

Welche Vorsorge für den einzelnen Patienten die „richtige“ ist, kann nur im direkten Gespräch geklärt werden.

 

Quellen:

- Brenner H, Schrotz-King P, Holleczek B, Katalinic A, Hoffmeister M: Declining bowel cancer incidence and mortality in Germany—an analysis of time trends in the first ten years after the introduction of screening colonoscopy.

Dtsch Arztebl Int 2016; 113: 101–6. DOI: 10.3238/arztebl.2016.0101

- S3-Leitlinie Kolorektales Karzinom | Juni 2013

- Darmkrebsvorsorge: US-Leitlinie sieht Alternativen zur Koloskopie. Dtsch. Ärzteblatt online 16.6.2016; JAMA 2016; 315: 2564-2575

 


Beispiel Cholesterin:

Cholesterin - unser innerer Feind? (Gefäßerkrankungen und ihre möglichen Ursachen)

 

Das Desaster der biochemischen Medizin zeigt sich daran, dass die American Heart Association (AHA) und Google einen 75 Mio. $ Preis (!!!) ausgelobt haben, für denjenigen, der die Ursache für die Gefäßverkalkung (Arterio-sklerose) findet und eine vorbeugende Therapie angeben kann. Whow!

Dabei scheint es doch so einfach zu sein:

Nur das böse Cholesterin senken und den Blutdruck richtig einstellen.

Seit 40 Jahren bin ich als Arzt tätig, meine Tochter seit über 10 Jahren. Was uns und vielen Kollegen auffällt und was mit der simplen Blutdruck/Cholesterin-Theorie nicht erklärt werden kann:

  • Es gibt Patienten mit abenteuerlich hohen Cholesterinwerten und diese haben keine Gefäßerkrankungen.
  • Genauso gibt es Patienten mit schweren Gefäßerkrankungen, die von Natur aus oder durch Medikamenteneinnahme einen niedrigen Cholesterinwert besitzen.
  • Es gibt gar nicht wenige Patienten mit unauffälligen Halsschlagadern und gleichzeitig schwere Verkalkungen der Herzkranzgefäße.
  • In der Primärprävention (Patient bisher gesund) kann durch die medikamentöse Cholesterinsenkung nur bei jedem 300. Patient ein Gefäßereignis (z.B. Schlag-anfall oder Herzinfarkt) verhindert werden.
  • Cholesterin ist für uns lebensnotwendig: als Grundgerüst für Hormone, Zellwände und Zellmembranen.
  • Cholesterinsenker hemmen die Aufnahme des wichtigen Stoffes Q10. Somit könnten durch Cholesterinsenkung evtl. wiederum andere Erkrankungen wie z.B. Diabetes oder Krebserkrankungen begünstigt werden?

 

Haben wir Sie zur Genüge verwirrt und neugierig gemacht? Dann lesen Sie weiter.

 

Zur Ursache der Gefäßverkalkungen (Arterio-sklerose) gibt es viele Theorien und Unter-suchungen. Allen bekannt sind dies Rauchen, Diabetes (Zuckerkrankheit), Bewegungs-mangel, männliches Geschlecht, Alter.

Auch die zunehmende Feinstaubbelastung scheint Gefäßerkrankungen zu begünstigen.

Lange schon werden Entzündungsprozesse für die Entstehung von Gefäßerkrankungen angeführt. So erklärte der ehemalige Chefarzt der Kardiologie der Medizinischen Hochschule Hannover: „Die beste Prävention (Vorbeugung) gegen den Herzinfarkt ist die Grippeschutz-impfung“. Dazu passt, dass bei im Krankenhaus behandelten Patienten mit entzündlichen Erkrankungen Herzinfarkte deutlich häufiger auftreten. Auch haben z.B. Rheumapatienten ein höheres Risiko für eine koronare Herzerkran-

kung. Viele weitere Erkrankungen und Entzün-dungen werden ebenfalls in Zusammenhang mit Gefäßverkalkung gebracht.

Werden die sogenannten Plaques (Einlagerung von Kalk, Fette in der Gefäßwand und Gefäß-wandveränderungen) untersucht, finden sich bis zu 30 verschiedene Mikroorganismen (u.a. Bakterien, Pilze), was eine entzündliche Ursache ebenso wahrscheinlich macht.

Weiter führen uns die Erkenntnisse der alten Pathologen (ab 1850). Zu dieser Zeit konnten Infektionen nicht mit Antibiotika behandelt werden. Folglich wurde der Entzündungspro-

zess nicht gestoppt und konnte sich „unge-

hindert“ auch im Bereich der Gefäße ausbreiten. Es fanden sich massive Verkalkungen vor allem im Bereich der großen Gefäße. Häufig waren auch die Darm-Gefäße betroffen, heute eine Seltenheit. Selbst Kinder verstarben an Gefäß-

erkrankungen.

 

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts die Wende: Cholesterin als Auslöser der Gefäßerkran-

kungen

In Russland erfolgten Fütterungsversuche an Kaninchen mit viel Milch, Fleisch und Eiern. In der Folge traten massive Verkalkungen im Bereich der Hauptschlagader (Aorta) auf. Auch bei isolierter Gabe von Cholesterin, was als Auslöser angesehen wurde, fanden sich ähnliche Veränderungen.

Die untersuchten Gefäße zeigten allerdings andere Gefäßwandveränderungen als die beim Menschen beobachteten! Vergleichsuntersuchungen bei Nicht-Vegetariern (Hund/Katze) zeigten kein vergleichbares Ergebnis. Kritisiert wurden auch die extrem hohen unrealistischen Cholesterinwerte (500 – 1000) die bei dem Versuch erzeugt wurden.

Seitdem hält sich aber hartnäckig die falsche Vorstellung, dass Eier das Cholesterin erhöhen.

Es wurden viele Studien durchgeführt, die zeigten, dass ein niedriges Cholesterin das Risiko für Herzinfarkte und Schlaganfälle verringern kann und die Größe der Plaques verringert werden kann unter optimaler Einstellung des LDL-Cholesterins mit Werten < 70 mg/dl. Die Empfehlungen zur Cholesterin-

senkung wurden zuletzt 2014 sogar noch „verschärft“.

 

Bei allen Erkenntnissen zur Entstehung der Gefäßwandverkalkung bleibt unklar, warum nicht alle Gefäße gleichmäßig betroffen sind, warum es gesunde Gefäß(abschnitte) neben massiv verkalkten Gefäßen gibt.

Eine einfache Erklärung nach dem Motto „Cholesterin ist der Übeltäter“ reicht nicht aus.

 

Ärzte und Patienten sind gleichermaßen verunsichert und etwas ratlos.

Wie soll man sich als Patient mit erhöhten Cholesterinwerten verhalten, was können wir Ärzte mit gutem Gewissen anraten?

  1. Vernünftiges Körpergewicht halten.
  2. Mindestens zweimal pro Woche Ausdauersport über mindestens 30 Minuten betreiben (das fängt bereits bei einem strammen Spaziergang an).
  3. Vitaminreiche und eiweißreiche Ernährung. Wein passt in der richtigen Dosis dazu. Butter ist besser als Margarine.
  4. Blutdruck sollte normal sein oder medikamentös eingestellt werden.
  5. Rauchen ist bekanntlich schädlich.
  6. Cholesterin und Ernährung: .Selbstredend sollte man nicht Schweinshaxen und ähnliches verzehren, wenn man schon ein hohes Cholesterin hat. Aber eine extreme Diät hat in der Regel wenig Erfolg, da die Leber umso mehr Cholesterin bildet.
  7. Wer soll nun einen Cholesterinsenker einnehmen:
    a) Patienten nach einem Gefäßereignis (Gefäßverschluss, Herzinfarkt, Schlaganfall)
    b) Patienten mit hohem Cholesterin und hohem Risiko für Gefäßerkrankungen wie z.B. auffälliger Familienvorgeschichte, Nikotin, Bluthochdruck, Diabetes etc.

Dies muss individuell entschieden werden - Sprechen Sie uns an!

“Jedoch gibt es viele Variablen, die stärker daran erinnern, dass der gesunde Menschenverstand und die klinische Beurteilung des individuellen Patienten mit einfließen sollten, so dass neben dem Gesamtrisiko auch das Risikoprofil berücksichtigt wird.“

(aus: H. Gohlke et al. Stellungnahme der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie zu den neuen US-Leitlinien zur Verminderung des Atheroskleroserisikos mittels lipidsenkender Therapie 2014)

 

Wir hoffen, dass wir mit diesem kurzen Abriss etwas Licht in den Cholesterinnebel gebracht haben. Bei Fragen, gerne in der Sprechstunde,

 

Quellen:

Sendung 3sat vom 14.7.2016:

"Die Cholesterinlüge"/ Artikel: Deutsches Ärzteblatt 10/2016 Medizinische Hochschule Hannover (Professoren Haverich und Kreipe/

Blech: "Die Krankheitserfinder – wie wir zu Patienten gemacht werden"

H. Gohlke et al. Stellungnahme der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie zu den neuen US-Leitlinien zur Verminderung des Athero-skleroserisikos mittels lipidsenkender Therapie, 2014

 

 

Ihre Hausärzte

Dr. med. Katrin Göhring-Frischholz

(FÄ für Innere Medizin und Kardiologie)

und

Dr. med. Peter Göhring

(FA für Allgemeinmedizin, Ernährungsmedizin, NHV)